Leseprobe

Rasselbande
Offene Sympathie herrscht meistens zwischen den Orchestermitgliedern und der jeweiligen Lufthansa-Crew. Noch Jahre später besuchen Crewmitglieder die Konzerte und treffen die Musiker hinter der Bühne. Ein Höhepunkt dieser Verbundenheit war die Südamerikareise 1984 mit Witold Rowicki als künstlerischem Leiter. Die Freundschaft ging so weit, daß drei Stewardessen, blond und attraktiv, von den Schlagzeugern als zusätzliche »Aushilfen« angeheuert wurden. Sie bekamen einen Schnellkurs in der Bedienung von Rasseln, Kuhglocken und anderen Metallinstrumenten, alles geheimgehalten vor dem Orchester und vor allem vor dem Dirigenten. In Buenos Aires kam es dann zu dem denkwürdigen Auftritt der drei blonden Damen im schwarzen Kleid.
Alle drei sehr aufgeregt, wurden sie einzeln zwischen den Schlagzeugern platziert, damit sie immer unter Kontrolle waren. Außerdem wertete das die optische Attraktivität der Schlagzeuggruppe beträchtlich auf. Das Stück hieß »Kreszani«, komponiert von Wojcieck Kilar, einem polnischen Zeitgenossen. In der Schlußphase des Werkes, durch das Aufstehen des gesamten Blechs besonders hervorgehoben, hatte das Orchester eine »ad libitum«
8
-Stelle mit langem Crescendo bis zum enorm lauten Schluß.
An dieser Stelle hatte der Komponist so viele Schlagzeuger wie möglich vorgeschrieben. Hier mußten nun die drei Damen mit aufstehen und mit ihren Rasseln einsetzen. Bravourös meisterten sie diese heikle Aufgabe. Das Stück war ein solcher Erfolg, auch beim völlig überraschten Dirigenten, daß er es sofort wiederholen ließ, obwohl dadurch die Zeitplanung der live übertragenden Fernsehanstalt völlig durcheinander geriet. Als Pointe bleibt nachzutragen, daß eine der Stewardessen später einen Bamberger Symphoniker geheiratet hat.
8 »ad libitum« bedeutet, daß den Musikern völlig freigestellt
wird, welche Noten sie spielen.


Auftritt mit Schwierigkeiten
In Amman sollte das Orchester 1982 ein neues Theater einweihen, das König Hussein seiner Tochter geschenkt hatte. Ungewohnt für das Orchester war die schwer bewaffnete Bewachung des Gebäudes. Panzer und Kanonen rund um den Musentempel, auf dem Dach Maschinengewehre – ein gar nicht festliches Ambiente. Die Musiker wurden einzeln kontrolliert und nur mit Passierschein eingelassen. Dabei hatten es die Fagottisten am schwersten, durch die Kontrolle zu kommen. Ihre Instrumente ähnelten höchst verdächtigen Waffen. Erst nach ein paar angeblasenen Tönen war alles klar und die finsteren Gesichter der Wachen hellten sich auf. Im letzten Moment Schlimmes verhüten konnte Geschäftsführer Höpner, der gerade hinzukam, als ein Soldat die Paukenfelle aufschneiden wollte, um zu sehen, was in der Pauke versteckt sei.

Falsche Party
Auf Reisen in ferne Länder nimmt man auch als Musiker gerne die Gelegenheit wahr – wenn es die Zeit erlaubt – Erkundungen in der näheren Nachbarschaft zu machen, um kulturelle Besonderheiten und das allgemeine Leben in den bereisten Ländern besser kennenzulernen.
In Jordanien entdeckten Kollegen in der Nähe der Hauptstadt Amman ein Lager mit Beduinenzelten, in dem lebhaftes Treiben zu erkennen war. Es sah aus, als wäre gerade Markt oder ein Volksfest. Voller Entdeckungslust bogen sie in den Weg ein, der zum Lager führte. Auf halber Strecke kam ihnen ein Beduine entgegen, der ihnen grimmig bedeutete, sie hätten hier nichts verloren und sollten schleunigst wieder verschwinden. Enttäuscht traten die Entdecker den Rückzug an – das vermeintliche Volksfest war eine Beerdigung.

 

Stewardessen am Schlagzeug
Rasselbande